I
Castor,

ich schreibe dir, weil eine Melodie mir deine Worte in Erinnerung rief, als du sagtest, Liebe sei nur eine Erfindung. Ein simples Hirngespinst jener, die sich für zu gut hielten, hinter all der zwischenmenschlichen Zuneigung nur ihren Geschlechtstrieb zu erkennen. Du behauptest, Liebe sei nur ein Wort, eine Ausrede für all die unschönen Gedanken, die der Mensch sich nicht eingestehen will.
Was wäre das für eine Liebe, Castor? Eine unwirkliche, verlogene, scheinheilige Liebe, die kein Mensch intensiv zu empfinden vermag, weil er weiß, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Wo, wo nur, kämen wir denn hin? Ich schätze dich, und ich weiß, das Leben hat dich vieles gelehrt. Dennoch – Wieso bleibt den Blick verschlossen vor diesem einen Gefühl? Liebe, Castor!
Wie soll ich es dir denn erklären?
Ich kann nicht erwarten, dass du es verstehst, wenn du die Sehnsucht noch nie gefühlt hast.
Ich kann nicht erwarten, dass du mit mir in diesem leeren Raum stehst.
Wie würdest du den Schnee riechen können, wenn dein Kopf doch so voll ist von abgestumpften, pessimistischen Gedanken?
Es ist anders, als du es dir vorstellen magst. Liebe gibt es auf so viele Arten wie es Menschen gibt. Niemand liebt gleich. Auch du musst lieben können; Ich bin mir sicher, du hast es auch getan. Was hat dich so verzweifelt werden lassen? Hast du Angst? Wovor, Castor? Dass es schmerzt? Das mag sein, ja, doch es ist nicht allein die Liebe. Liebe allein gibt es gar nicht. Liebe und Schmerz, Liebe und Glück, Liebe und Sehnsucht. Ich wünschte, ich könnte sie dir zeigen. Welche Farbe sie wohl hätte?
Ich liebe, Castor, und ich unterdrücke es schon so lange, dass ich manchmal vergesse, dass mit dem Blut auch Sehnsucht in mir zirkuliert, Tag für Tag.
Liebe ist eine Einbahnstraße.
Am anderen Ende triffst du auf eine Wand, auf eine Treppe zum Himmel, oder ein Loch, durch das du fällst, und fällst, bis du eine andere Straße findest. Doch einen Weg zurück gibt es nicht.
Geh' hinaus, Castor. Suche sie.
Ich zähle weiter meine Schritte und gewöhne mich an den Hunger, an den Durst, der keiner und nie ganz zu stillen ist.



II
Rein.

Pur. Es klingt wie Milliarden kleiner Wassertröpfchen auf Glas. Durchschneinend, klar. Es riecht nach Schnee. Ich weiß nicht wohin damit. Aber irgendwann muss es raus. Ich kann es nicht ewig festhalten.
Geht es wirklich nur um finden und verlieren, Castor? Ich kann nicht glauben, dass all das keine Bedeutung haben soll. Ich weiß, andere Menschen machen ähnliches durch, aber ich glaube nicht, dass es viele sind. Die es mit so einer Intensität erleben. Manchmal denke ich, es ist ein Gefühl wie bei jedem anderen auch. Einfaches Verliebt-sein. Sympathie. Und dann kann ich diese Menschen nicht mehr sehen, weil sie es so einfach nehmen, und weil ich und meins doch so anders ist. Warum? Erkläre es mir, Castor, ich verstehe es beim besten Willen nicht.
Das sind keine zwei Minuten mehr. Es sind drei Jahre, und das macht mich zugleich stolz, verzweifelt und sicher, dass es nicht "einfach" ist. Wie könnte etwas "einfaches" unerwiedert so lange überleben? Es ist anders als damals, ich weiß, das musst du mir nicht sagen. Vielleicht war es besser. Vielleicht hätte ich früher da sein müssen - oder besser gar nicht.


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chaste & yvi